Vom gelben Urtreter zum unüberschaubaren Zerrdschungel: Overdrivepedals

Vom gelben Urtreter zum unüberschaubaren Zerrdschungel: Overdrivepedals

Des Gitarristen liebstes Pedal gibt es mittlerweile in einer Flut, in der selbst die größten Kenner der Materie den Überblick verloren haben. Fast jeden Tag erblickt ein anderes Must-Have das Licht der Welt und die ganze Branche erinnert mich tatsächlich ein wenig an die Bierindustrie. Neben den zahlreichen Großbrauereien gibt es in nahezu jeder Region dieser Erde eine kleine Privatbrauerei, die dann auch noch diverse Geschmackssorten und limitierte Festtagsbiere im Programm hat. Fast jeder hat ein anderes Lieblingsbier und wer kein erfahrener Gerstensommelier ist, kann im gut sortierten Supermarkt schon mal an Reizüberfluss leiden und Probleme bekommen wofür er sich denn nun entscheiden soll…

Übertragen auf die komplexe Welt der Overdrivepedale werde ich hiermit versuchen einen kleinen, strukturierten Überblick über die verschiedenen Grundtypen dieser hilfreichen Treter zu vermitteln. Dabei werde ich weniger auf die technische Seite als auf die klanglichen Aspekte eingehen und mich vorerst auch wirklich nur auf die leicht bis mittelstark zerrenden Exemplare der Overdriveabteilung konzentrieren – Distortion Pedale sind dann nochmal ein weiteres, großes Feld.

Bevor es nun tiefer in die Materie geht beleuchte ich noch kurz die Historie der kleinen Metallkisten.

Nachdem Mitte/Ende der 60er Jahre die verzerrte Gitarre ein immer wichtigerer Bestandteil in verschiedensten musikalischen Stilrichtungen wurde gab es technisch noch nicht sehr viele Möglichkeiten für den Gitarristen den verzerrten Wunschsound zu erzeugen. Entweder man drehte seinen Verstärker so laut, dass er in die Übersteuerung ging oder man Griff auf das spärliche Angebot an Trebleboostern oder Fuzzpedalen zurück. Diese Pedale sorgten zwar für die gewünschte Verzerrung, sorgten aber auch für eine erhebliche Klangveränderung. Diese konnte durchaus gewünscht sein und prägte ebenfalls

viele klassische Sounds, den verzerrten Sound seines voll aufgedrehten Lieblingsverstärkers auch in leisere Gefilde transportieren zu können, war aber weiterhin ein unerfüllter Wunsch. Die Situation änderte sich jedoch als in der zweiten Hälfte der 70er Verstärker mit Mastervolume vorgestellt wurden und die japanische Firma Boss einen kleinen, gelben Treter namens OD-1 auf den Markt brachte. Dieser klang auf einmal nicht mehr wie eine fiese Kettensäge oder ein summender Schwarm Bienen, sondern tatsächlich sehr ähnlich der Übersteuerung eines guten Röhrenverstärkers. Dieser kleine Helfer wurde natürlich sofort mit offenen Armen angenommen und bald folgten weitere Versionen mit einer Tonblende wie das Boss SD-1 oder der Tubescreamer von Ibanez. Damit wären wir auch schon bei der ersten Kategorie angelangt:

Tubescreamer Pedale

Das wahrscheinlich berühmteste aller Overdrivepedale ist der grüne Treter der Firma Ibanez. Der erste Tubescreamer (TS808) erblickte 1979 das Licht der Welt und ist quasi eine Weiterentwicklung des Boss OD-1 (symmetrisches statt asymetrisches Clipping und ein zusätzlicher Tonregler). Seitdem gibt es unzählige Versionen aus eigenem Hause und wahrscheinlich ist kein anderes Zerrpedal so häufig auf bekannten Aufnahmen zuhören. Die verschiedenen Versionen unterscheiden sich in Sachen Zerrgrad, Output, Zusatzfunktionen usw., teilen aber alle einen ähnlichen Grundcharakter: Eine sahnige, weiche Verzerrung, eine ausgeprägte Hochmittenbetonung und ein ordentlicher Cut in den tiefen Frequenzen. Deshalb polarisiert der grüne Klassiker auch seit eh und je. Die einen halten ihn Frequenzmäßig für die perfekte Ergänzung vor einem bereits zerrenden Amp um Bässe zu straffen und die Durchsetzungsfähigkeit bzw. den Zerrgrad zu erhöhen die anderen als das Perfekte Zerrpedal um vor einem cleanen, mittenarmen und bassstarken Fender Amp eine wunderbar singende Verzerrung zu erzeugen. Dem hingegen gibt es aber auch ein Lager, für die er einfach nur näselnd und dünn klingt. Der Markt bietet zudem unzählige Tubescreamervarianten von Fremdherstellern, deren Macher meist mit weniger Bassklau und neutraleren Mitten werben. Bekannte Vertreter der „modded Tubescreamer“ Familie sind z.B. das MXR GT-OD, das Fulltone Fulldrive, Way Huge Green Rhino, Keeley Red Dirt Overdrive oder das JHS Bonsai, welches tatsächlich 9 klassische Tubescreamervarianten in einem Pedal beinhaltet.

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Transparent Overdrives

Diese Gattung setzt sich zur Aufgabe, den Grundsound des verwendeten Verstärkers so wenig es geht zu beeinflussen und mit möglichst wenig schönfärberischer Kompression dem Signal Verzerrungen hinzuzufügen. Diese Pedale bewegen sich oft im Low Gain Bereich, beliebte Exemplare sind z.B. das Paul Cochrane bzw. MXR Timmy, Fulltone OCD, JHS Morning Glory oder das sagenumwobene Klon Centaur, welches mit seinen ganzen Repliken in den letzten Jahren eine derart große Popularität erlangt hat, dass ich dem Thema eine eigene Kategorie widmen möchte:

Klon Centaur – Style Overdrives

Das von Bill Finnegan entwickelte Pedal wurde in nur geringen Stückzahlen von 1990 bis 1994 verkauft und hat das damals noch einzigartige Feature einer internen Spannungspumpe, so dass der Schaltkreis mit 18 statt 9 Volt arbeiten kann. Das generierte eine besonders natürliche und Röhrenähnliche Verzerrung, so dass die Originale in den darauffolgenden Jahren den Weg auf die Pedalboards von diversen Szenegrößen fanden (z.B. John Mayer, Warren Haynes, Joe Bonamassa oder Joe Perry). Natürlich stieg damit die Nachfrage und da das Pedal nicht mehr produziert wurde gipfelten die Preise für ein gut erhaltenes Exemplar nicht selten bei 5000 Dollar. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Pedalindustrie und somit kam bald ein Klon-Clone nach dem anderen auf den Markt. Die populärsten Klon Repliken sind mitunter das J.Rockett Archer, das Wampler Tumnus, das Electro Harmonix Soul Food und sogar Bill Finnegan selbst stellt seit einigen Jahren wieder sein Klon Pedal unter dem Namen Klon KTR her.

Amp in a Box Overdrives

Um die verschiedenen Charaktereigenschaften der populären Röhrenverstärker auch im Wohnzimmer oder vor dem Amp eines anderen Herstellers genießen zu können setzen sich viele Hersteller auf die Fahne diese speziellen Sounds ins Pedalformat zu konvertieren. Dieser Trend begann vor vielen Jahren mit diversen Marshall Plexi – Style Overdrives, mittlerweile gibt es fast jeden Verstärker in Pedalform, sogar die seltensten Exoten wie z.B. ein alter Supro Amp. Erfolg und Niederlage sind natürlich stark vom verwendeten Grundsound abhängig, nicht mit jedem Verstärker lässt sich mit einem Vorschaltpedal die gewünschte Verwandlung vollziehen. Die grundsätzliche Tendenz ist aber meist zu erkennen und diese Mischsounds besitzen oft einen besonderen Reiz.

Hier eine Auflistung bekannter Amp in a Box Pedale inklusive Ihrer Inspiration:

Marshall JTM 45: Z.Vex Box of Rock, J.Rockett .45 Caliber, JHS Charlie Brown

Marshall Plexi: Xotic SL Drive, Wampler Plexi Drive, J.Rockett Animal, Catalinbread Dirty Little Secret

Marshall JCM800: MI Audio Crunch Box, JHS Angry Charlie, Marshall The Guv’nor

Fender Tweed: Wampler Tweed ´57, Z.Vex ‚59 Sound, Boss ´59 Bassman

Fender Blackface: Vemuram Jan Ray, Mad Professor Super Black, Boss ´65 Deluxe Reverb

Dumble: Hermida Zendrive, J.Rockett Dude, Mad Professor Simble

Vox: Tech21 Liverpool, Boss Combo Drive, Catalinbread Galileo

Orange: Tech 21 Oxford, Wampler Catapulp

Hiwatt: Catalinbread WiiO , Tech21 Leeds

Supro: Mad Professor Honey Bee, JHS Superbolt

Mesa Rectifier: Wampler Triple Wreck, Tech 21 U.S. Steel

Kombinationspedale

Wer auf Knopdruck Overdrive und Delay für ein Solo möchte, ein Overdrive und einen Booster als einziges Pedal braucht, Platz auf seinem Pedalboard sparen möchte oder gerade von einer besonderen Kombination angetan ist findet auf dem Markt eine Menge Kombinationspedale. Der Klassiker ist sicherlich das Overdrive plus Booster, mittlerweile gibt es aber auch die exotischsten Variationen. Hier eine kleine Auswahl:

Fulltone Fulldrive, Okko Diablo, Keeley D&M Drive (Overdrive plus Boost)

Mad Professor Golden Cello (Overdrive inklusive Delay)

JHS Sweet Tea (Distortion plus Transparent Overdrive)

Keeley DDR (Overdrive plus Delay plus Reverb)

Ich hoffe ich konnte den dichten Wald der zerrenden Tretminen ein bisschen lichten, für weitere Informationen und einen ausgiebigen Test (wir haben immer eine Auswahl vieler hier im Test genannten Pedale auf Lager und auch ein gut bestücktes Test-Pedalboard, dass Euch immer bereit steht) freue ich mich darauf Euch bei uns im Laden begrüßen zu dürfen!

Auf bald, Chris

©Chris Danner Dez. 2020

1 Comment

  • Norbert Kehr sagt:

    Hallo Chris, da hast du aber einen famosen Beitrag geliefert; du kannst also nicht nu (u.a.m.) klasse Tonabnehmer wickeln (z.B. für meine Eastman TV), sondern auch noch semantisch vorbildliche und fachlich versierte sowohl informativ reiche Texte verfassen! Hut ab, und das Lob kommt von einem Deutsch-Didaktiker!! Wusste z.B. noch nicht, dass mein Zendrive zur Dumble-Tonriege tendiert… Freue mich auf deinen nächsten Report! Bleib(t) gesunde und hab(t) eine gute Zeit! Norbert alias MR. COVER

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