Captain’s Corner: Wohnzimmer Zerr-Sound

Die folgende Situation kommt Euch vielleicht bekannt vor: Man ist stolzer Besitzer einer toll klingenden Gitarre und eines hochwertigen Amps, aber derVersuch im Wohnzimmer einen zufriedenstellenden, verzerrten Sound zu erzeugen, sorgt dann doch eher für Ernüchterung. Egal wie sehr man an den Reglern dreht, der Klang, den das eigene Setup verspricht, möchte sich nicht so recht einstellen.

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Nicht selten sind wir geprägt durch die Sounds, die wir von unseren Lieblingsplatten im Ohr haben. Auch wenn wir vielleicht nicht unbedingt den Ton von Gitarrist_in XY exakt kopieren möchten, werden wir doch häufig von unseren Vorbildern in Sachen Sound beeinflusst. Bei der Suche nach dem eigenen Wunschklang kann es demnach hilfreich sein, sich mal genauer mit den Gitarrensounds seiner Lieblingsaufnahmen und deren Enstehung zu befassen. Während man meist relativ leicht herausfinden kann, welches Equipment verwendet wurde und man ähnliche Gitarren- bzw. Amptypen auch meist für bezahlbares Geld bekommt, wird es umso komplizierter, wenn man sich bewusst macht, unter welchen Voraussetzungen diese Sounds denn eigentlich entstanden sind. Nicht selten handelt es sich um einen hochwattigen Amp, der im gut isolierten Studio voll ausgefahren wurde. (Zumindest vor der Zeit von Modellern und Plugins). Dadurch befinden sich sowohl Röhren als auch Speaker in einem völlig anderen Arbeitsbereich und auch die Interaktion der Gitarre mit dem Amp ist nicht zu vernachlässigen. Kein Wunder also, dass es anders klingt, wenn man trotz ähnlichem Equipment alles nur in Zimmerlautstärke nachstellen kann, um es sich mit Nachbarn_innen und Mitbewohnern_innen nicht zu verscherzen.

Welche Optionen in Frage kommen, um sich auch im stillen Kämmerchen an seinen Wunschsound anzunähern, möchte ich Euch nachfolgend genauer erläutern:

Blackstar HT-5R MK II: Reduzierbar auf 0,5 Watt

Low-Wattage Amps

Mittlerweile haben fast alle großen Hersteller den Sound Ihrer Klassiker in kleine 1-20 Watt Combos geschrumpft. Diese haben in vielen Fällen zusätzlich noch eine weitere Leistungsreduzierung (teilweise bis zu 0,1 Watt) eingebaut, die es ermöglicht, selbst bei Zimmerlautstärke noch ordentlich Overdrive und Röhrensättigung zu erzeugen. Das funktioniert häufig überraschend gut, man muss nur mit kleineren Abstrichen leben: Die Mini-Combos haben oft nur sehr kleine Speaker (6″ – 12″). Das hat einerseits zwar den Vorteil, dass diese kleinen Lautsprecher auch leise schon in einem entsprechenden Wirkungsgrad arbeiten, sorgt auf der anderen Seite oft für ein recht fundamentloses, schlankes Klangbild. Die meist kleinen Gehäuse der Minicombos verstärken diesen Effekt noch.

Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, was für harmonische und singende Zerrsounds diese kleinen Verstärker schon in verträglicher Lautstärke produzieren können. Gute Beispiele für dieses Konzept sind z.B. die Marshall Studio Classic Serie, der Blackstar HT5, der Vox AC4 oder auch der Fender der Bassbreaker 007.

Two Notes Torpedo Captor: Aktive-DI-Box, Cab-Simulator & Loadbox

Attenuator bzw. Powersoak

Eine geniale Idee: Ein Lastwiderstand, eingeschleift zwischen Amp und Speaker, wandelt einen regelbaren Teil der Ampleistung in Wärme um und gibt ein leiseres Signal an den Speaker weiter. Das heißt auf dem Papier ja eigentlich, dass man seinen Lieblingsamp voll aufdrehen kann und man diesen Sound ganz einfach auf die Wunschlautstärke reduziert. Auch wenn das technisch gesehen einwandfrei funktioniert, bringt es doch ein paar Nachteile mit sich. Einerseits ist der Röhrenverschleiß bei kräftig arbeitender Endstufe deutlich höher, andererseits ist das Klangergebnis häufig trotzdem etwas ernüchternd. Das zu hörende Signal ist häufig sehr bassig, matt und komprimiert.

Das liegt einerseits daran, dass wir zwar ein lautes Signal mit wenig Höhen und viel Kompression durchaus angenehm finden, ein leises Signal aber jedoch meist mit strammen Bässen und ausgeprägten, direkten Höhen bevorzugen. Zum anderen laufen die Speaker in einem etwas ungünstigen Arbeitsbereich wenn sie nur ein leises Signal bekommen. Gerade ein hochbelastbarer 12″ Lautsprecher kann bei Zimmerlautstärke gerne mal etwas kratzig und dünn daherkommen. Zwar haben die meisten modernen Powersoaks eine gut funktionierende Frequenzkorrektur eingebaut, eignen sie sich meiner Erfahrung nach aber dennoch besser dazu, den großen Non-Master Amp im Proberaum oder Studio auf bandtaugliche Lautstärke zu drosseln, anstatt ihn auf Wohnzimmerlautstärke zu „kastrieren“. Ein hierfür sehr empfehlenswertes Tool ist das Two Notes Torpedo Captor, zu dem es einen eigenen Blog Artikel auf unserer Website gibt: https://www.btm-guitars.de/2021/03/31/ein-ode-an-two-notes-torpedo-captor/

MXR Dookie Drive V3: Marshall-Sound in der Box

Pedals

Ein komplett anderer Ansatz ist es, sich seinen Zerrsound ausschließlich mit Pedalen zu formen. Dafür braucht es einerseits einen Amp, der auch leise einen angenehmen, neutralen Cleansound besitztund anerseits ein Zerrpedal seiner Wahl. Die Suche danach ist allerdings nicht immer die Leichteste. Bei dem Überangebot der heutzutage erhältlichen Pedale verliert man nämlich schon leicht mal den Überblick (einen ausführlichen Guide zum Thema Overdrivepedal findet ihr in der Blog Sektion unserer Homepage: https://www.btm-guitars.de/2020/12/19/overdrives/). Dennoch hat der Markt für jede erdenkliche Soundvorstellung ein Pedal parat und es ist wirklich erstaunlich, was die kleinen Blechbüchsen mit ihren Halbleiterschaltungen für organische Sounds produzieren können – und das völlig unabhängig von der Lautstärke (das Thema Speaker/Wirkungsgrad ist aber natürlich auch hierbei nicht zu vernachlässigen).

Fazit:

Ein guter Zerrsound im Wohnzimmer kann eine kleine Challenge darstellen und geht oft mit dem ein oder anderen kleinen Kompromiss einher. Dennoch gibt es heutzutage Lösungen, die erstaunlich gute Ergebnisse ermöglichen. Eine generelle Empfehlung auszusprechen ist dabei schwierig, Erfolg oder Niederlage hängen zu sehr vom verwendeten Equipment und dem persönlichen Geschmack ab. Am Ausprobieren führt daher selten ein Weg vorbei, oft kann auch eine Mischform der oben genannten Optionen zum Erfolg führen (z.B. kleiner Amp plus Pedal). Gerne beraten wir Euch ausführlich zu diesem Thema und sobald es die Situation wieder erlaubt freuen wir uns darauf Euch zu einem ausführlichen Test bei uns im Laden begrüßen zu dürfen!

© Chris Danner 2021

2 Comments

  • Norbert Kehr sagt:

    „Dannerwetter“ – (wieder) sehr informativ, doch eine Kleinigkeit verwirrt: im Intro-Bild steht JULIAN, doch verfasst hat’s der Chris… sei’s drum, die Mannschaft von BTM-GUITARS ist im Zusammenwirken stets unschlagbar!
    Grüße alle vom MR. COVER bzw. Norbert

    • Julian Zierhut sagt:

      Moin Norbert, vielen Dank für den Hinweis. Das liegt momentan daran, dass ich die Artikel auf der Webseite anlege. Wir überlegen uns mal was, damit auch der korrekte Autor in der Vorschau angezeigt wird. Vielen Dank für’s Lesen und dein Feedback 🙂 Beste Grüße Julian

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