Kampf der Titanen – Klon vs. Tubescreamer

Angechecked: Der 15-Minuten Test

Ein bisschen mulmig zu Mute ist mir ja schon. Immerhin bin ich kurz davor ein riesen Faß aufzumachen. Aber da müssen wir jetzt wohl alle durch. 15 Minuten habe ich die wohl berühmtesten Treter der Gitarrengeschichte für euch angespielt. Allerdings nicht mit der Absicht, um einen alleinigen Sieger zu küren. Vielmehr möchte ich euch eine Hilfestellung geben, falls ihr gerade auf der Suche nach einem Overdrive/Distortion-Pedal seid und ihr mehr über die beiden Ikonen wissen möchtet. Das ist der 15-Minuten angechecked Test: Klon vs. Tubescreamer. Los geht’s.

Bleiben wir gleich beim Sitchwort „Ikone“. In der goldenen Ecke als Vertreter der unzähligen Klon-Klone tritt der J.Rockett Audio Designs Ikon an. Das hier die englische Bezeichnung für Ikone mit „K“ anstelle von „c“ geschrieben wird, ist sicher kein Zufall. In dem goldenden Kasten, der sich nicht nur farblich am Original des Klon Centaur bedient, steckt eine der populärsten Interpretationen des ursprünglichen Schaltplans. Der Archer Ikon bietet eine echte Alternative, falls man nicht gerade 5000€ und mehr für ein echten Klon zur Verfügung hat, der übrigens nur zwischen 1994-2008 von Erfinder Bill Finnegan produziert wurde. Mittlerweile baut dieser den KLON KTR als modernen Nachfolger, der in Kleinserien zu einem deutlich günstigerem Preis (ca. 400€), aber nicht mehr mit den ursprünglichen Teilen zu haben ist. Dem Sound sollte das keinen Abbruch tun. Da mir die aktuelle Version des KLON KTR zum Zeitpunkt des Tests noch nicht zur Verfügung stand, fiel die Wahl schnell auf den Archer Ikon. Drei Knöpfe: Output, Gain & Treble müssen reichen. 

In der grünen Ecke wartet die aktuelle Version des Ibanez TS-808 darauf seinen guten Ruf als König des Overdrives zu verteidigen. Zugegeben, der Tubescreamer und seine ebenfalls vielfältige Schar an Klonen (Vorsicht, nicht durcheinander kommen), spaltet ein wenig die Gitarrengemeinde. Viele stört der starke Eingriff in den Grundsound von Gitarre und Amp. Böse Zungen betiteln ihn auch als den großen „Gleichmacher“. Ob das wirklich stimmt, werden wir gleich herausfinden. Kleine Geschichtsanekdote: Der Entwickler des Tubescreamer, Susumu Tamura, arbeitete für die Firma Maxon, die den Tubescreamer im Auftrag von Ibanez herstellte. Maxon existiert heute noch und stellt immer noch ihre Version des Ur-Tubescreamers her. Der TS wurde als Konkurrenz zum Boss OD-1 und MXR Distortion + auf den Markt gebracht und bediente sich als eines der ersten Pedale der OP-Amp-Technologie.

Für den anstehenden Test habe ich mir drei Kategorieren ausgedacht:

  1. Das Pedal als Clean-Boost
  2. Das Pedal als Overdrive
  3. Das Pedal als Preamp

Die Kontrahenten sind bereit. Angeschlossen sind sie an meinem Laboga Caiman Head mit 50W Röhrenleistung, der im Clean-Channel betrieben wird. In meiner 1×12 Box knurrt ein Celestion C-90. Um die Lautstärke auf einem erträglichen Ausmaß zu halten, arbeitet ein Two Notes Torpedo Captor zwischen Speakerausgang und Box. Als Testinstrument dient diesmal meine 2013 Epiphone Sheraton 1964 Reissue mit Mini-Humbuckern.

1. Klon vs. Tubescreamer – Clean Boost

Seid vorsichtig mit dem Output-Regler des Ikon. Hier wird schnell das Signal ordentlich angehoben, wenn man Output-Regler intuitiv auf die 12-Uhr-Stellung bringt. 10-Uhr reichen hier völlig aus, um den Pegel leicht zu boosten. Auch Gain und Trebel-Regler bleiben auf 10-Uhr. Der Sound der hier entsteht ist einfach nur genial. Alles klingt offener, wärmer, fetter. Man hat das Gefühl einen Amp zu spielen, dessen Röhren gerade auf Volldampf arbeiten, allerdings ohne, dass einem die Trommelfälle platzen. Der Ikon verbindet sich mit Instrument und Amp wahnsinnig gut. Es werde keine Bässe abgeschnitten oder zu viel Kompression hinzugefügt. Der Sound wird etwas dunkler. Das Spielgefühl bleibt natürlich. Dabei reagiert das Pedal sehr gut auf den Volumeregler der Gitarre. Es werden wunderschöne obertonreiche Fragmente hinzugefügt, die an einen Plexi-Amp erinnern. Auch das Spielgefühl ist ähnlich. Der Ikon ist das perfekte „Always-On“- Pedal. Sobald man es ausschaltet, fängt man an es zu vermissen.

Der japanische Ibanez TS-808 ist hier schon deutlich direkter. In klassischer Tubescreamermanier werden die Bässe ausgedünnt und die Mitten angehoben. Das macht den Sound komprimierter und leider etwas steril. Hat man beim Ikon zu jedem Zeitpunkt das Gefühl mit einem Röhrenamp zu arbeiten, so geht dieser Eindruck beim Tubescreamer etwas verloren. Wer allerdings einen aufgeräumten Clean-Sound mit mehr Kompression und Picking-Attack möchte, ist mit dem Tubescreamer gut bedient. Als Alternative szum TS sei hier der Moonshine von JHS genannt, der auf dem Tubescreamer aufbaut, allerdings einen Blend-Regler besitzt, der den natürlichen Klang des Amps im stufenlosen Verhältnis hinzumischt. So lässt sich der Sound deutlich offener gestalten.

2. Klon vs. Tubescreamer – Overdrive

Beginnen wir diesmal mit dem TS-808. Für etwas mehr Zerre kommt mein JHS PG-14 (Paul Gilbert Overdrive/Distortion) ins Spiel. Wenn ihr zehn Gitarrenverkäufer_innen fragen würdet, welches Pedal ihr vor einen angecrunchten Amp schalten solltet, um mehr Gain, Sättigung und Attack zu erhalten, so würden 9/10 sicher erstmal einen Tubescreamer empfehlen (der zehnte Verkäufer würde euch zu einem Boss Blues-Driver oder SD-1 raten). In dieser Kategorie ist der TS-808 zu Hause. Hierfür wurde er entwickelt. Den Volume-Regler auf Maximum, den Gain-Regler auf Minimum und den Tone-Regler auf 12-Uhr. Das ist seit Jahrzehnten die Geheimformel für einen dicken, aufgeräumten Rythmus – und Lead-Ton, der Geschichte geschrieben hat. Rory Gallagher, Eric Johnson, Joe Bonammasa. Die Liste an Künstlern, die den TS auf dem Board haben und hatten, könnte man unendlich lange weiterführen. Wem es nichts ausmacht, dass der Tubescreamer die Kontrolle über den Sound übernimmt und etwas stärker eingreift als andere Overdrive-Pedale, der sollte nicht lange zögen. Mit der Ibanez TS-Mini-Variante wird einem der Einstieg einfach gemacht. Mit knapp 79€ ist er ein waschechter Tubescreamer in den Originalfarben, mit originalem Sound. Für mich persönlich in dieser Preisklasse unschlagbar.

Der Ikon geht hier etwas anders an die Sache heran. Wählt man dieselbe Einstellung wie beim TS-808, bläst es einem die Ohren weg. Der Ikon hat hier deutlich mehr Output und auch Gain-Reserven. Mit dem Treble-Regler sollte man es auch nicht übertreiben, sonst wird der Sound schnell zu spitz. Output und Treble auf 12Uhr, den Gain-Regler auf 13 Uhr und die Sonne geht wieder auf. Im Gegensatz zum Tubescreamer greift der Ikon nicht so direkt ins „Lenkrad“. Der Sound ist weniger komprimiert, die Bässe bleiben erhalten. Alles klingt warm und organisch. Ein bisschen mehr boutique und nicht ganz so glatt, dafür schön dick und saturiert. Man bekommt auch hier wieder das Gefühl vermittelt, die Endstufenröhren des Amps würden auf idealer Temperatur laufen. Einfach wunderschön. Wer allerdings einen modernen, tighten Rock – und/oder Metalsound sucht, muss sich an die etwas schwammigen Bässe des Ikons erst gewöhnen und beim Picking etwas mehr Kraft aufwenden.

3. Klon vs. Tubescreamer – Preamp

In der letzten Disziplin entfernen wir das JHS PG-14 wieder aus der Kette und versuchen mit den beiden Kandidaten einen ordentlichen Zerrsound zu basteln. Der Amp bleibt dabei clean. Der Ikon macht es wieder sehr einfach. Solange man den Treble-Regler in Ruhe lässt, ist fast alles mit dem Pedal möglich. Leichter Crunch, dickes Rockbrett und auch Ausflüge in Musikrichtungen wie Stoner, Sludge und Doom sind möglich, sofern man die Mitten am Amp etwas herausnimmt und Bässe hinzufügt. Mit Alnico-II-Magneten ist meine Sheraton, was den Output angeht, etwas schwach auf der Brust. Kräftigere Magneten würden den Sound noch etwas kontrollierbaren machen. Ich für meinen Geschmack bin trotzdem vollkommen überzeugt von dem schmatzenden und fetten Sound an der Grenze zum Fuzz. Nels Cline (Wilko) bezeichnet den Klon Centaur nicht umsonst als: „…an amp in a box“. Ich würde sogar soweit gehen, dass ich fast jeden Gig mit nur einem Klon bestreiten könnte, einen cleanen Röhrenampkanal und einen Tuner vorausgesetzt. 

Hätte ich einen zusätzlichen Overdrive-Kanal zur Verfügung, dann würde mir der TS-808 ebenfalls ausreichen. Alleine vor dem Clean-Kanal besitzt er zu wenig Gain. Ein etwas steriler Crunch-Sound ist das höchste der Gefühle. Im Gegensatz zum Ikon fehlt die Wärme und Sättigung. Zudem fühlt es sich so an als würde man das Pedal spielen und nicht mehr den Amp. Auch hier greift der Tubescreamer zu sehr in das Geschehen ein. Daher gewinnt diese Disziplin eindeutig der Ikon.

Unterm Strich:

Wie Anfangs schon erwähnt, gibt es keinen klaren Gewinner oder Verlierer. Beide Treter haben ihre absolute Daseinsberechtigung und ihren eigenständigen Sound. Zudem würde es ohne den Tubescreamer den Klon Centaur nicht geben. Bill Finnegan experimentierte am Anfang seiner Entwicklung des Klon stark mit der Schaltung der frühen Tubescreamer. Überraschend war für mich allerdings die Erkenntnis, dass der Ikon ein wenig wie die „Eilerlegende Wollmilchsau“ daher kommt. In keiner der Disziplinen war er deutlich unterlegen. Immer erfüllte er seine Aufgaben mit Bravur. Das ist eine Zeugnis, dass ich in meiner Grundschulzeit auch gerne bekommen hätte. Mir bleibt nur zusagen: Bevor ihr euch die Gehirnzellen weg-googelt, auf der Suche nach dem passenden Overdrive, nehmt euch bei uns im Laden einen Tubescreamer und den Ikon zur Brust. Ich bin mir sicher ihr werdet nicht enttäuscht. Bis zum nächsten Mal.

Euer Julian

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